An einem Sonntagnachmittag vor ein paar Wochen wählte ich mehr oder weniger ziellos den DLF-Stream aus der Liste meiner gespeicherten Radiostationen, es lief die Sendung "Musikszene". Sie bestand aus einem knapp einstündigen Feature von Christoph Wagner zum Thema "Zukunftsmusik: Der Synthesizer - eine Biographie in elektronischen Klängen" und war nichts anderes: Als Beweis gibt es hier die Playlist. In der Sendungsbeschreibung heißt es:
Mittlerweile hat die elektronische Klangrevolution selbst den Alltag erreicht. [...] Dabei bedeutet der digitale Siegeszug für die alten Synthis keineswegs das Aus, sie erleben gerade ein bemerkenswertes Comeback.
Das deckt sich mit meinem Empfinden. In letzter Zeit sind wieder vermehrt analoge Vintage-Synths zu hören, die zum Teil älter sein dürften als die Musiker, die sie einsetzen. Von Eighties-Retro ist dann die Rede, oder von cinematic Breitwandsounds. Das stimmt so natürlich, und auch wieder nicht. Denn einerseits erinnert der Klang dieser Synthesizer zumindest diejenigen, die damals schon dabei waren, an eine Musikepoche, die ein Vierteljahrhundert zurückliegt.
Andererseits ist der musikalische Kontext ein heutiger. M83 machen auf "Hurry Up, We're Dreaming" zeitgenössischen Indie-Electro mit großer Synthie-Geste, Opolopo setzt seine Vision von synthlastiger Disco auf "Mutants" mit einem Augenzwinkern um, und Oneohtrix Point Never schraubt komplexe Sample-Synthie-Genialitäten auf "Replica" zusammen.
Zu letzterem ist auch gerade ein Artikel von Matthias Schönebäumer in der Zeit Online erschienen: Geister im sonischen Nebel ordnet die Musik von Oneohtrix Point Never der Hauntologie zu, einer musikalischen Strömung, welche die Geister der Vergangenheit in nebligen, von Störgeräuschen durchbrochenen Musikfetzen wieder heraufbeschwört. Eine lesenswerte Einschätzung mit vielen Sound- und Videobeispielen, unter anderem dieser Lecture von Daniel Lopatin, dem Mastermind hinter Replica, bei der Red Bull Music Academy dieses Jahr in Madrid:
Foto von WMFU unter einer Creative Commons-Lizenz (by-nc-sa)
Update: Weil es gerade so schön hier reinpasst, noch folgendes Video, das ich gerade bei undomondo gefunden habe. David Vorhaus, 1979, MANIAC analoger Sequencer und Kaleidophon:
Update 2: Über einige Umwege bin ich eben auf diesen Beitrag bei radiohörer gestoßen, der doch tatsächlich einen Mittschnitt der oben genannten "Zukunftsmusik"-Sendung verlinkt hat. Gracias!



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