Lost and Sound

Geschrieben von Matthias GutjahrSonntag, 24. Mai 2009

Schon Anfang des Jahres bekam ich überraschend ein Päckchen vom altehrwürdigen Suhrkamp-Verlag. Darin befand sich das Buch "Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset" von Tobias Rapp, der lange Musikredakteur der taz war und jetzt beim Spiegel für Pop zuständig ist. Auf der Rückseite des Taschenbuchs ist eine Tagcloud abgedruckt, die auf einen Blick erfassbar macht, um was es in diesem Bändchen geht: Von Afterhour über Bar 25, Berghain, Minimal und Ricardo Villalobos bis hin zum Zustand der Zwischennutzung zeichnet Rapp einen Zustandsbericht der Berliner Clublandschaft gegen Ende der nuller Jahre.

Man merkt dem Buch an, das Rapp schon lange als Journalist arbeitet. Er beleuchtet das Phänomen der international so anziehenden Berliner Clus von allen Seiten, spricht mit DJs, Ravern, Club- und Hostelbesitzern und der Clubbeauftragten des Berliner Senats (ja, die gibt es wirklich). Er wird nicht müde zu erwähnen, welchen Stellenwert die Berliner Clubmeile für den Tourismus in Zeiten der Billigflieger hat. Und er spannt dramaturgisch nett einen Bogen von Mittwoch zu Mittwoch, diesem Wochenrhythmus oder Ausgehzyklus, in dessen Mitte sich die Exzesse des Wochenendes und die Afterhours in mittlerweile legendären Berliner Locations befinden.

In "Lost and Sound" fügen sich die vielen singulären Phänomene des Nachtlebens, die geheimnisumwitterten Legenden aus den Clubs, dem Berghain, der Panoramabar, der Bar 25, und die eigenen Erlebnisse aus durchgemachten Nächten zu einer großen Perspektive - und plötzlich wird dem Leser so einiges klar, was er vielleicht zuvor schon wusste, bloß nicht einordnen konnte. Denn es gibt so viele Aspekte, die zeigen, warum Berlin Feierwütige aus der ganzen Welt anzieht, die sich übers Internet mit Informationen eindecken und so die Szene mitunter besser kennen als mancher Einheimische; warum Berlin für viele DJs Lebensmittelpunkt geworden ist, wenn auch nur für einige Zeit; warum überhaupt in Berlin nach der Wende das entstehen konnte, was nun ist.

Mir hat das Lesen jedenfalls sehr viel Freude bereitet, für alle musik- und feierinteressierten Berliner ist das Buch sowieso Pflichtlektüre. Die charmante Idee, das Werk abzurunden mit der Vorstellung von 20 prägenden Platten des Berliner Sounds (Villalobos, Nathan Fake, Booka Shade, Âme, Efdemin, Koze …) macht es möglich, den Soundtrack zum Lebensgefühl nebenher mitlaufen zu lassen. Auch wenn ich wirklich nicht der beste Kenner von Minimal (oder Techno oder House oder whatever) bin, muss ich gestehen, dass Berlin der Welt viele tolle Platten geschenkt hat.

Ein einziger Kritikpunkt am Buch sei erlaubt: Beim Durchlesen nervt, dass manche Aspekte redundant aufgezählt werden, etwa die wirtschaftliche Bedeutung der Clubs für die Stadt. Bisweilen stolpert man auch über Feststellungen, die zwei Seiten vorher eigentlich schon abschließend behandelt wurden. Dann wirkt das in sich sonst so schlüssig gegliederte Buch wie eine unachtsam zusammengestellte Ansammlung unabhängiger Kolumnen. Andererseits lassen sich die einzelnen Kapitel des Buches gerade deshalb auch völlig unabhängig voneinander lesen, wenn man es nicht wie ich einfach von vorne bis hinten am Stück verschlingt. Ich kann ich also guten Gewissens eine uneingeschränkten Lesebefehl aussprechen!

Aus den Labors der Labels (I)

Geschrieben von Matthias GutjahrMontag, 4. Mai 2009
Plattencover von Hipbrass
Hipbrass

Das sympathische kleine Label Galopp aus dem tiefen Südwesten der Republik hat nicht nur seine dritte Veröffentlichung rausgebracht, sondern auch die Webseite neu lackiert. "Hipbrass" nennt sich der neue Song der Frohlocker, der sowohl im Original als auch in den drei Remixen von Protassov, Paul SG und Pepe Le Moko euphorisch stimmt.

Bei Soulplex in Köln hat man sich vorgenommen, uns den Sommer mit diversen Releases zu versüßen. Allen voran wird Ende Mai ein potentieller Sommerhit stürmen, nämlich "Back to Back" von Fangkiebassbeton, der auch eine eigene Sendung auf soulsender.de hat. Insbesondere der Repete Remix feat. Fleur vom Fleur Earth Experiment mit ihrer "Straßenköter"-Soulstimme verzückt. Auch die neunköpfige Kölner Live-Hip Hop-Band Dickes B! bringt neben witzigen deutschen Texten einen funky Sound mit, der ihre Platte Original aus der Masse herausragen lässt.

Albumcover von Supresa
Supresa

Bereits in meiner letzten Radioshow gespielt habe ich ein Stück von Hotel Bossa Nova, die den Bossa-Sound wunderbar ins Heute transportieren, getragen von der tollen Stimme Liza da Costas. Das äußerst gelungene neue Album Supresa (auf Homefamily) kann den ganzen Sommer über auch live genossen werden.

Noch ein schneller Blick nach Berlin: Innervisions, das Label von Dixon und Âme, hat eine neue EP letzterer veröffentlicht, die bei mir schon per Abo eingetroffen ist. Setsa/Ensor heißen A- und B-Seite, und ich bin mir noch nicht ganz sicher, welche die stärkere ist.

Zum Schluss nicht fehlen darf die bislang nur vorbestellbare, aber dennoch binnen Minuten ausverkaufte, ganz in mysteriösem schwarz gehaltene Kollaboration von Burial und Four Tet, zwei absoluten Koryphäen ihres Fachs. Ich hoffe, dass die zwei Tracks ("Moth"/"Wolf Cub") auch digital veröffentlicht werden, denn das dürfte ein absolutes Muss sein.

Ich habe mir die Mühe gespart, Sounds oder Videos direkt hier einzubetten. In die meisten der hier angesprochenen Veröffentlichungen könnt ihr entweder über die Webseiten der Labels, über die Künstlerseiten bei MySpace, bei SoundCloud oder in diversen Online-Shops reinhören. Und bei Gefallen solltet ihr einen Kauf in Erwägung ziehen, die Labels werden es euch mit weiteren tollen Platten danken ;-)