Über den Mangel an Dynamik in aktuellen Musikproduktionen hatte ich vor knapp zwei Jahren schon geschrieben. Toningenieure nutzen die digitalen Möglichkeiten der Kompression bei Aufnahme und Abmischen, um die Musik immer noch lauter klingen zu lassen, was letztlich auf Kosten der Nuancen und damit auch eines Teils der Ausdrucksmöglichkeiten geht. In den vergangenen Jahren hat sich erst zaghaft, dann immer entschiedener Widerstand gegen diese Entwicklung geregt. Nun treten gleich mehrere (Friedens-)Bewegungen an, den Loudness War zu beenden.
Turn Me Up! will sich dafür einsetzen, dass Musiker zumindest die Wahl haben, ob ihre Platte dynamisch klingt oder einfach nur laut. Fleißig werden Artikel und Pressestimmen zusammengetragen, außerdem kann man sich gemäß den Richtlinien der Organisation zertifizieren lassen und darf dann das Turn Me Up!-Logo auf die Platte usw. kleben.
Die Pleasurize Music Foundation verfolgt ähnliche Ziele. Ein besseres Klangerlebnis für den Kunden soll auch gleichzeitig dessen Bereitschaft erhöhen, für die Musik Geld auszugeben statt sie sich über Tauschbörsen herunterzuladen. Neben diesem Zusammenhang geht diese Kampagne auch darauf ein, dass [n]eun von zehn mit Surround ausgezeichnete Veröffentlichungen … schlechter als der originale Stereomix
klängen und somit die Verwendung von Blu-Ray-Discs nicht rechtfertigten. Eine digitale Unterschriftenliste wird ebenso angeboten wie das obligatorische Logo und sogar eine Windows-Applikation zum Messen des Dynamikumfangs.
Das ist alles sehr zu befürworten, denn mir tut es in den Ohren weh, wenn Musik einfach nur undifferenziert laut ist. Aber ich wollte es genauer wissen und hab bei ein paar Stücken aus meiner Sammlung nachgeprüft.
Zu diesem Zweck kam mir die Entdeckung des Echo Nest RemixAPI gerade recht. Dabei handelt es sich zum einen um einen Webservice zur Analyse und Bearbeitung von Musikdaten, und zum anderen um eine zugehörige Python-Bibliothek, mittels derer sich die Webschnittstelle ansprechen lässt. Ich will hier gar nicht allzu tief einsteigen, möchte aber Daniel danken für den Python-Support - ohne ihn hätte ich das alles nicht zum Laufen bekommen. Echo Nest bietet zahlreiche Methoden an, um etwa zwei Musikstücke zu mixen, die Beats pro Minute herauszufinden, oder eine ganze Reihe von Eigenschaften zu analysieren und dann grafisch oder sonstwie weiterzuverarbeiten. Wer sich eingehender damit beschäftigen möchte, dem seien das Echo Nest Blog, der Überblick von Adam Lindsay und das Blog Music Machinery von Paul Lamere ans Herz gelegt. Dort finden sich unter anderem auch weitere Graphen und auch das Skript, das ich hier verwendet habe.
Fünf Lieder habe ich auf ihre Lautheit untersuchen lassen, und das kam dabei heraus:
Wir sehen also, es kommt auf den Musikstil an, aber vielleicht auch auf das Datum der Aufnahme. Hätte ich noch länger gesucht, hätte ich mit Sicherheit noch repräsentativere Aufnahmen gefunden, etwa die neue Metallica. Aber ich denke, auch so lässt sich erkennen, wo der Trend in den letzten zehn, zwanzig Jahren hingeführt hat. Noch viel ausführlicher ist diese Entwicklung bei Music Machinery dargestellt. Und man darf gespannt sein, wo es in Zukunft hingeht. Ich werde eventuell auch später noch ab und zu mal so ein Diagramm posten, wenn mir ein besonderes Stück auffällt. Jetzt lege ich aber eine alte Jazzplatte von 1974 (Eddie Harris in the UK) auf den Plattenspieler und erfreue mich an der beeindruckenden Dynamik - des Sounds, aber auch des Saxophonspiels.