Skip to content

Paul Beatty - Slumberland

Paul Beatty - SlumberlandMit Romanen, in denen Musik eine zentrale Rolle spielt, ist es doch wie mit Filmen über Fußball. Die meisten Szenen wirken künstlich und hölzern, begeistern kann so eine artifizielle Atmosphäre jedenfalls nicht. Daher ist ein oft gegangener Weg, möglichst wenig konkret zu zeigen und nur im Allgemeinen anzudeuten. Oder aber man macht es wie Paul Beatty in seinem dritten Roman Slumberland. Er geht steil in die Offensive und will den Leser in die Handlung hineinsaugen und mitreißen in einem Sog aus Zitaten, Insiderwitzen und Querverweisen. Ein Massenpublikum zu erreichen wird dann allerdings schwierig.

Aber das wollte Beatty vermutlich gar nicht, auch wenn er den Plot der Erzählung in Berlin ansiedelt und sich alles um (afroamerikanische) Musik dreht - durchaus zwei massentaugliche Motive. Nur setzt er ein gewisses Maß an musiknerdigem Hintergrundwissen und musikalischer Sozialisation voraus, ohne das einem viele der unterhaltsamen Metaphern und - im Wortsinne - klangvollen Anspielungen entgehen. Der ausführliche Beschreibung von Sounds, von Songs und von Geräuschen hat und erreicht meist das Ziel, dass diese sich Ohrwürmern gleich im Kopf des Lesers manifestieren und festsetzen.

Die Handlung selbst soll hier nur angerissen werden: Ferguson Sowell hat ein phonographisches Gedächtnis und erschafft in Los Angeles als DJ Darky den (fast) perfekten Beat, für den ihm nur eine Zutat fehlt: Der Sound des legendären Jazzers Charles Stone, genannt The Schwa. Dessen Spur nimmt er im Berlin der Nachwendezeit auf und heuert dort als "Jukebox-Sommelier" in der Slumberland-Bar an. Dort fehlt im die kalifornische Sonne, weswegen er ins Sonnenstudio geht, als "schwarzer Exot" fliegen im die deutschen Fräulein-Herzen zu. Diese Blackness zieht sich nicht nur auf Metaebene durch seine Abenteuer, sondern kulminiert in einem DJ-Set auf einer Neonazi-Veranstaltung, auf der er Märsche aus dem Dritten Reich auflegt, um am Ende mit der Schwa-Version des Horst Wessel-Liedes zu Tränen zu rühren. Da hat er The Schwa bereits gefunden und wartet nur noch auf den perfekten Moment für den perfekten Beat.

Wer sich für "Black Music" der letzten Jahrzehnte bis heute interessiert, für den ist Slumberland bisweilen ein geradezu genialer Roman, insbesondere wenn DJ Darky minutiös auf die Wirkungsgeschichte einzelner Songs und Alben eingeht, ja die Welt mit dieser Musik erklärt. Aber auch die satirische Charakterisierung des Berlin der Nachwendezeit ist witzig und aufgrund der Gast-Perspektive erfrischend anders als von deutschen Autoren gewohnt. Und schließlich wäre da noch die Ebene des displacement und der "Blackness", welche den Plot wie eine Klammer zusammenhalten. Die Geschichte wird nie zu schwer oder unübersichtlich, sondern bleibt immer luftig und geschmeidig. Sehr oft musste ich sogar lauthals lachen, weil die Beschreibungen so absurd und doch treffend waren. Ob die deutsche Übersetzung, die im September im Blumbenbar Verlag erscheint, die vielen Andeutungen und Wortspielereien adäquat wiederzugeben vermag, kann auf der unten verlinkten Lesetour beurteilt werden. Der Sprachwitz im Original macht Slumberland jedenfalls unbedingt lesenswert.

  • Twitter
  • Facebook

Trackbacks

mobilisesup.wordpress.com am : PingBack

Die Anzeige des Inhaltes dieses Trackbacks ist leider nicht möglich.

87bpm.wordpress.com am : PingBack

Die Anzeige des Inhaltes dieses Trackbacks ist leider nicht möglich.

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Max am :

* Hab auch gehört das Buch soll für black music fans ( so wie mich) bestens geeignet sein. Mein bester Freund hat mir das Buch zum Geburtstag geschenkt und genau meinen Geschmack getroffen ! Habe es gerade erst angefangen zu lesen aber bin schon höchst erfreut ! gruß max

Kommentar schreiben

HTML-Tags werden in ihre Entities umgewandelt.
Gravatar, Pavatar, Favatar, Twitter, Identica, Monster ID Autoren-Bilder werden unterstützt.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
Wenn Du Deinen Twitter Namen eingibst wird Deine Timeline in Deinem Kommentar verlinkt.
Bewirb einen Deiner letzten Artikel
Dieses Blog erlaubt Dir mit Deinem Kommentar einen Deiner letzten Artikel zu bewerben. Bitte gib Deine Blog URL als Homepage ein, dann wird eine Auswahl erscheinen, in der Du einen Artikel auswählen kannst. (Javascript erforderlich)
Formular-Optionen
tweetbackcheck