Jamie Lidell & Pablo Fiasco live

Geschrieben von Matthias Gutjahr • Samstag, 29. Oktober 2005
Jamie Lidell live

Seit gestern Abend weiß ich, warum Jamie Lidells Elektro-Soul-Album Multiply seine Heimat ausgerechnet auf dem für progressive Elektro-Acts berüchtigten Londoner Warp-Label erschienen ist. Der bleiche Engländer mit der perfekten Soulstimme kann zwar auch schön harmonisch, viel lieber aber schreddert er seine Vocals durch allerlei Distortion-, Feedback- und sonstige Effektmaschinen zu einem verzerrten Techno-Soundtrack, um bei seinen Zuhörern die Hörerwartungen und -gewohnheiten mal so richtig durcheinanderzuwirbeln. Was im Rahmen des Heidelberg-Mannheimer Enjoy Jazz-Festivals dann unterstreicht, dass dessen Macher Mut gezeigt haben, einen außerordentlichen Künstler einzuladen und die topographische Landkarte des "Jazz" so weit wie nur möglich auf bisher noch unbekanntes Territorium auszudehnen.


Fans von gepflegtem Soul, Funk und Rare Groove kamen zwar auf ihre Kosten, dies aber vor allem wegen des DJs, der vor und nach Lidells Auftritt für die nötige deepe Atmosphäre sorgte. Lidell selbst begann mit einer fast schon schmalzigen Soul-Ballade. Aber dann warf er sein umfangreiches Equipment - Synthie, Sampler, Drummachine, Laptop und diverse Effekte - an und sorgte bei den einen für offene Münder, bei anderen für ekstatische Verzückung. Zerhackte Noise-Fetzen aus live gesampelten Schmatzlauten und Beatboxing legten sich über vorfabrizierte Hooklines und wurden von Pablo Fiascos Live-Visuals mithilfe von diversen Digicams und pre-recordeden Videoclips passend untermalt. Ein respektables Fest für Augen und Ohren, aber für meinen Geschmack dann doch etwas zu abgefahren. Vor allem, wenn man dem Ganzen Lidells Album zugrunde legt. Und seine Single "When I Come Back Around" hat er gar nicht gespielt. Oder hab ich sie nur nicht erkannt?

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