Damals, in den Achtzigern, als ich noch ein Teenager, das Taschengeld knapp und Musik noch nicht im Internet verfügbar war, gab es neben dem Radio nur ein Medium für die angesagtesten Songs: die Kompaktkassette. Leistete sich einer meiner Freunde eine neue Schallplatte oder CD, wurde sie alsbald – für private Zwecke natürlich – auf Kassette überspielt. Fast jeder trug einen Walkman in der Tasche, und wir Musikenthusiasten staubten unsere Tapedecks täglich ab.
Sonntags wurde dann aus den besten Songs für Freunde und Freundinnen – oder solche, die es werden sollten – eine ganz besondere Kassette aufgenommen. Diese Aufgabe erforderte Leidenschaft und Durchhaltevermögen, wie Nick Hornby in seinem Kultroman "High Fidelity" detailreich beschreibt. Schließlich verfolgt ein Mixtape immer eine ganz spezielle Absicht: sei es den eigenen Musikgeschmack hervorzuheben oder eben das Herz eines besonderen Mädchens zu gewinnen. Was selbstverständlich mittels einer profanen Kassette eher selten gelang.
Home Taping Is Killing Music!
Die Revolution aber, dass wir keine teuren technischen Geräte, sondern nur einen simplen Kassettenrecorder zum Aufnehmen einer Kassette benötigten, machte das Mixtape bald zu einem zentralen Bestandteil der Jugendkultur. Das hatten die Pioniere des Mixtaping, allen voran US-amerikanische Hip Hop-DJs, früh erkannt und boten technisch ausgefeilte Mitschnitte ihrer Auftritte zum Verkauf an. Dass dabei ihr Name mindestens das gleiche Gewicht wie die enthaltenen Songs hatte, nahmen sie als große Chance zur Selbstvermarktung wahr.
Bekanntere DJs bewarben neue Alben über vorab verteilte Mixtapes. Unbekanntere Künstler versuchten, mit den günstig herzustellenden Bändern Plattenfirmen aufzufallen. Gerade im Bereich des Hip Hop wurde das Mixtape populär, aber es war nie auf eine musikalische Stilrichtung beschränkt. Sogar Thurston Moore, Gitarrist und Sänger der New Yorker Noise-Rock-Band Sonic Youth, gab vor einigen Jahren ein Buch über Mixtapes heraus.
Weil ein DJ jedoch nicht nur seine eigenen Stücke spielte, sondern ausgerechnet mit fremder Musik einen Referenzrahmen schaffen wollte, traten schnell die Anwälte der Musikindustrie auf den Plan. Privatkopien galten die meiste Zeit noch als legal oder zumindest toleriert, aber die kommerzielle Nutzung urheberrechtlich geschützter Tracks sollte verhindert werden. Als Mitte der Neunziger Jahre CD-Brenner erschwinglich wurden und MP3-Dateien die Modems zum Glühen brachten, lösten die digitalen Medien die Kassette als Tonträger ab. Nun konnten zum Missfallen der Plattenfirmen ganze Alben noch einfacher und verlustfrei kopiert werden. Mixtapes waren da auf einmal nicht mehr so wichtig.
Musik verbindet
Heute kann jeder mithilfe kostenloser Software ein Lieder zu einem Mix kombinieren und im Internet verbreiten. Spezielle Online-Dienste, die genau dafür geschaffen wurden, machten auf Druck der Plattenindustrie zwar schnell wieder dicht, aber soziale Musik-Netzwerke nahmen schnell deren Platz ein. Wenn Musiker zunehmend ihre Vermarktung in die eigenen Hände nehmen und die Chancen des Internet positiv beurteilen, haben sie meist auch nichts gegen Online-Mixtapes. Überhaupt waren es auch früher in den seltensten Fällen die Musiker selbst, die gegen die Verbreitung ihrer Musik vorgingen.
Über musikalischen Online-Netzwerke können wir heute Mixtapes einer weltweiten Öffentlichkeit präsentieren. Dabei bedienen wir uns durchaus der Regeln des 30 Jahre alte Mediums Kassette: Die Länge der Mixes schwankt wie früher zwischen 60 und 120 Minuten, und es gehört zum guten Ton, eine Liste der sorgfältig ausgewählten und arrangierten Songs mitzuliefern. Die Faszination des Mixtapes ist offenbar ungebrochen. Aber mal ehrlich: In die Herzen der Mädchen wird uns auch das digitale Online-Mixtape nicht spielen.










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LG Kathrin