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Paul Beatty - Slumberland

Geschrieben von Matthias GutjahrMontag, 3. August 2009

Paul Beatty - SlumberlandMit Romanen, in denen Musik eine zentrale Rolle spielt, ist es doch wie mit Filmen über Fußball. Die meisten Szenen wirken künstlich und hölzern, begeistern kann so eine artifizielle Atmosphäre jedenfalls nicht. Daher ist ein oft gegangener Weg, möglichst wenig konkret zu zeigen und nur im Allgemeinen anzudeuten. Oder aber man macht es wie Paul Beatty in seinem dritten Roman Slumberland. Er geht steil in die Offensive und will den Leser in die Handlung hineinsaugen und mitreißen in einem Sog aus Zitaten, Insiderwitzen und Querverweisen. Ein Massenpublikum zu erreichen wird dann allerdings schwierig.

Aber das wollte Beatty vermutlich gar nicht, auch wenn er den Plot der Erzählung in Berlin ansiedelt und sich alles um (afroamerikanische) Musik dreht - durchaus zwei massentaugliche Motive. Nur setzt er ein gewisses Maß an musiknerdigem Hintergrundwissen und musikalischer Sozialisation voraus, ohne das einem viele der unterhaltsamen Metaphern und - im Wortsinne - klangvollen Anspielungen entgehen. Der ausführliche Beschreibung von Sounds, von Songs und von Geräuschen hat und erreicht meist das Ziel, dass diese sich Ohrwürmern gleich im Kopf des Lesers manifestieren und festsetzen.

Die Handlung selbst soll hier nur angerissen werden: Ferguson Sowell hat ein phonographisches Gedächtnis und erschafft in Los Angeles als DJ Darky den (fast) perfekten Beat, für den ihm nur eine Zutat fehlt: Der Sound des legendären Jazzers Charles Stone, genannt The Schwa. Dessen Spur nimmt er im Berlin der Nachwendezeit auf und heuert dort als "Jukebox-Sommelier" in der Slumberland-Bar an. Dort fehlt im die kalifornische Sonne, weswegen er ins Sonnenstudio geht, als "schwarzer Exot" fliegen im die deutschen Fräulein-Herzen zu. Diese Blackness zieht sich nicht nur auf Metaebene durch seine Abenteuer, sondern kulminiert in einem DJ-Set auf einer Neonazi-Veranstaltung, auf der er Märsche aus dem Dritten Reich auflegt, um am Ende mit der Schwa-Version des Horst Wessel-Liedes zu Tränen zu rühren. Da hat er The Schwa bereits gefunden und wartet nur noch auf den perfekten Moment für den perfekten Beat.

Wer sich für "Black Music" der letzten Jahrzehnte bis heute interessiert, für den ist Slumberland bisweilen ein geradezu genialer Roman, insbesondere wenn DJ Darky minutiös auf die Wirkungsgeschichte einzelner Songs und Alben eingeht, ja die Welt mit dieser Musik erklärt. Aber auch die satirische Charakterisierung des Berlin der Nachwendezeit ist witzig und aufgrund der Gast-Perspektive erfrischend anders als von deutschen Autoren gewohnt. Und schließlich wäre da noch die Ebene des displacement und der "Blackness", welche den Plot wie eine Klammer zusammenhalten. Die Geschichte wird nie zu schwer oder unübersichtlich, sondern bleibt immer luftig und geschmeidig. Sehr oft musste ich sogar lauthals lachen, weil die Beschreibungen so absurd und doch treffend waren. Ob die deutsche Übersetzung, die im September im Blumbenbar Verlag erscheint, die vielen Andeutungen und Wortspielereien adäquat wiederzugeben vermag, kann auf der unten verlinkten Lesetour beurteilt werden. Der Sprachwitz im Original macht Slumberland jedenfalls unbedingt lesenswert.

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Lost and Sound

Geschrieben von Matthias GutjahrSonntag, 24. Mai 2009

Schon Anfang des Jahres bekam ich überraschend ein Päckchen vom altehrwürdigen Suhrkamp-Verlag. Darin befand sich das Buch "Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset" von Tobias Rapp, der lange Musikredakteur der taz war und jetzt beim Spiegel für Pop zuständig ist. Auf der Rückseite des Taschenbuchs ist eine Tagcloud abgedruckt, die auf einen Blick erfassbar macht, um was es in diesem Bändchen geht: Von Afterhour über Bar 25, Berghain, Minimal und Ricardo Villalobos bis hin zum Zustand der Zwischennutzung zeichnet Rapp einen Zustandsbericht der Berliner Clublandschaft gegen Ende der nuller Jahre.

Man merkt dem Buch an, das Rapp schon lange als Journalist arbeitet. Er beleuchtet das Phänomen der international so anziehenden Berliner Clus von allen Seiten, spricht mit DJs, Ravern, Club- und Hostelbesitzern und der Clubbeauftragten des Berliner Senats (ja, die gibt es wirklich). Er wird nicht müde zu erwähnen, welchen Stellenwert die Berliner Clubmeile für den Tourismus in Zeiten der Billigflieger hat. Und er spannt dramaturgisch nett einen Bogen von Mittwoch zu Mittwoch, diesem Wochenrhythmus oder Ausgehzyklus, in dessen Mitte sich die Exzesse des Wochenendes und die Afterhours in mittlerweile legendären Berliner Locations befinden.

In "Lost and Sound" fügen sich die vielen singulären Phänomene des Nachtlebens, die geheimnisumwitterten Legenden aus den Clubs, dem Berghain, der Panoramabar, der Bar 25, und die eigenen Erlebnisse aus durchgemachten Nächten zu einer großen Perspektive - und plötzlich wird dem Leser so einiges klar, was er vielleicht zuvor schon wusste, bloß nicht einordnen konnte. Denn es gibt so viele Aspekte, die zeigen, warum Berlin Feierwütige aus der ganzen Welt anzieht, die sich übers Internet mit Informationen eindecken und so die Szene mitunter besser kennen als mancher Einheimische; warum Berlin für viele DJs Lebensmittelpunkt geworden ist, wenn auch nur für einige Zeit; warum überhaupt in Berlin nach der Wende das entstehen konnte, was nun ist.

Mir hat das Lesen jedenfalls sehr viel Freude bereitet, für alle musik- und feierinteressierten Berliner ist das Buch sowieso Pflichtlektüre. Die charmante Idee, das Werk abzurunden mit der Vorstellung von 20 prägenden Platten des Berliner Sounds (Villalobos, Nathan Fake, Booka Shade, Âme, Efdemin, Koze …) macht es möglich, den Soundtrack zum Lebensgefühl nebenher mitlaufen zu lassen. Auch wenn ich wirklich nicht der beste Kenner von Minimal (oder Techno oder House oder whatever) bin, muss ich gestehen, dass Berlin der Welt viele tolle Platten geschenkt hat.

Ein einziger Kritikpunkt am Buch sei erlaubt: Beim Durchlesen nervt, dass manche Aspekte redundant aufgezählt werden, etwa die wirtschaftliche Bedeutung der Clubs für die Stadt. Bisweilen stolpert man auch über Feststellungen, die zwei Seiten vorher eigentlich schon abschließend behandelt wurden. Dann wirkt das in sich sonst so schlüssig gegliederte Buch wie eine unachtsam zusammengestellte Ansammlung unabhängiger Kolumnen. Andererseits lassen sich die einzelnen Kapitel des Buches gerade deshalb auch völlig unabhängig voneinander lesen, wenn man es nicht wie ich einfach von vorne bis hinten am Stück verschlingt. Ich kann ich also guten Gewissens eine uneingeschränkten Lesebefehl aussprechen!

Robert Nippoldt - Jazzlegenden

Geschrieben von Matthias GutjahrMontag, 22. Oktober 2007

Falls jemand schon ein Weihnachtsgeschenk für mich suchen oder gerade die Spendierhosen anhaben sollte: Robert Nippoldts Buch über Jazz im New York der Wilden Zwanziger, "Jazzlegenden", tät' mir schon gefallen. Es ist wohl nicht zu Unrecht als eines der »schönsten Bücher Europas« 2007 ausgezeichnet worden. [drüber gestolpert bei guillemets.de]

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