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Mein 12ender-Jahresendmix im Progolog

Johannes von progolog.de hatte mich gefragt, ob ich nicht einen Mix für seinen Adventskalender beisteuern wolle. Ich wollte, und so könnt ihr heute hinter dem 19. Türchen einen jazzig-besinnlichen Mix aus zwölf handverlesenen Titeln finden. Diese stammen fast alle aus dem aktuellen Jahr 2012, und als Begleittext habe ich Johannes folgendes geschrieben:

Der Schwerpunkt liegt auf aktuellem Jazz mit Experimentierfreudigkeit in alle Richtungen: afrikanische Rhythmen, Trip Hop, World, Hip Hop, Tropicália. “12ender” habe ich den Mix genannt wegen der zwölf Titel, aber auch wegen des zwölften Monats, der das Jahr beschließt (und weil ich Wortspielereien mag ;-)).

Während die ersten Songs noch schön grooven, wird es zur Mitte hin sehr ruhig und besinnlich. Aber keine Sorge, in der zweiten Hälfte kommt wieder etwas Schwung in die Sache, und am Ende wird es geradezu lustig. Aber hört selbst!

  1. Wolfgang Haffner - Luna
  2. Robert Glasper - Dillalude #2
  3. Mr. Bugslow - Club Liquid
  4. Austin Peralta - Lapis
  5. Iiro Rantala - Tears For Esbjörn
  6. Jacob Karlzon 3 - The Big Picture
  7. Christian Scott - Kiel
  8. Efrat Alony - We Sail Away
  9. [re:jazz] - Wonders Of The World
  10. Meshell Ndegeocello - To Be Young, Gifted, And Black (feat. Cody Chesnutt)
  11. Gal Costa - Coração Vagabundo
  12. Sufjan Stevens - Christmas Unicorn

Beim Durchhören der Version, die letztendlich im Netz gelandet ist, fällt mir auf, dass die Lautstärke der einzelnen Tracks doch erheblich variiert, was mir beim Aufnehmen und Abmischen gar nicht so extrem aufgefallen ist. Daher habe ich die Lautstärke auch nicht normalisiert und muss mich jetzt vom digitalen Flaneur auslachen lassen, dem ich vor kurzem noch schrieb:

Ich hoffe, euch gefällt der Mix trotzdem; beim nächsten Mal achte ich wieder mehr auf Durchhörbarkeit.

Sven Swift - The New Mendacity Mix

Sven Swift, seines Zeichens Labelboss von Error Broadcast, hat mich heute angetwittert und mir einen Link geschickt. Dahinter verbarg sich sein neuester Mix The New Mendacity, eine Hommage an die freigeistige Jazz-Avantgarde der Sechziger Jahre:

Intellectually challenging on the one, the 'New Thing' brought back a new sensitivity for emotional content, too. In this context 'Anti Jazz' was even closer to Blues than any 50s Jazz has ever been. Most of the tracks I arranged deal with Africa as spiritual motherland to an US American population that was just at the edge of legal equality, and this echoes in the music.

Die ausgewählten Titel von Charles Mingus, Archie Shepp, John Coltrane, Elvin Jones, Max Roach und Rahsaan Roland Kirk unterstreichen das. Über die Gründe, seinen Mix "The New Mendacity" ("Die neue Verlogenheit") zu nennen, darf sich beim Hören jeder selbst Gedanken machen:

Impulse! 2-on-1

Plattencover Ahmad Jamal

Ich muss hier und jetzt einfach mal Werbung machen für eine aktuelle Serie von Jazz-Veröffentlichungen zum 50. Geburtstag von Impulse! Records: Unter dem Label Impulse! 2-on-1 werden zurzeit viele Klassiker aus dem überragenden Fundus des New Yorker Labels wieder veröffentlicht, und zwar pro Künstler jeweils ein Doppelpack (zum günstigen Preis, möchte ich anmerken). Bisher erschienen sind Reissues von Pharoah Sanders, Alice Coltrane, Elvin Jones, Coleman Hawkins, Albert Ayler, Sonny Rollins, Milt Jackson, Duke Ellington, Ahmad Jamal und Archie Shepp.

Das halbe Jahrhundert Impulse! wird ja auch beim Deutschen Jazzfestival in Frankfurt umfangreich gewürdigt (dazu später mehr hier im Blog). Dort dreht sich vieles um das so einflussreiche Label, das eben nicht bloß die Musik von John Coltrane veröffentlichte, sondern gerade in den 1960ern so vielen prägenden Musikern eine Heimat bot. Unter anderem konnten auch die beiden Deutschen Rolf und Joachim Kühn das Album "Impressions of New York" dort aufnehmen, nur wenige Tage nach Coltranes Tod.

Aber zurück zum Thema: Wer einen Einstieg in die Musik der damaligen (Free-)Jazz-Avantgarde sucht, ist bei Impulse! 2-on-1 ebenso gut aufgehoben wie langjährige Fans, die hier vielleicht noch die eine oder andere von Bob Thiele produzierte und in Rudy Van Gelders Studio aufgenommene Perle entdecken. Die Einflüsse der jahrzehntealten Aufnahmen wirken jedenfalls bis heute nach: Afrikanische Rhythmen, Bürgerrechtsbewegung, viel Improvisation, Spielfreude und eine gewisse Abgespacetheit spielten und spielen auch im Hip Hop und diversen Spielarten elektronischer Musik immer noch eine große Rolle. Impulse! verhalf dem zum großen Durchbruch.

Eins sei gesagt: Diese Musik will intensiv gehört werden, nicht nebenbei. Manches Stück mag manchem zu experimentell und zu durchgeknallt daherkommen, aber dennoch oder genau deswegen haben alle ihren bedeutenden Platz in der Geschichte des Jazz. Die Covergestaltung der Reihe mag zwar nicht recht überzeugen, der Inhalt dafür umso mehr. Einige Ausgaben werden im Laufe der nächsten Wochen noch folgen. Von mir gibt's für alle eine uneingeschränkte Empfehlung!

Just Music Wiesbaden

Logo des Jazzfestivals Just Music '11Das Internationale Jazzfestival "Just Music '11" findet am 25. und 26. Februar im Kulturforum in der Wiesbadener Friedrichstraße statt. In seinem siebten Jahr ist aus dem einst rein lokalen Festival eine feste Größe im Jazz-Terminkalender geworden.

Ernst Reijseger
Ernst Reijseger

Vom Pianisten Uwe Oberg zusammen mit "Jazzarchitekt" Raimund Knösche gegründet, um der traditionellen Jazztraditione Wiesbadens eine Alternative entgegenzusetzen, ist "Just Music" im vergangenen vom Herbst ins frühe Frühjahr verlegt worden, und da findet es auch diesmal wieder statt. Während der zwei Tage wird viel experimentiert werden. Aki Takase und Silke Eberhard erweisen dem Free-Jazz-Pionier Ornette Coleman ihre Reveren. Der niederländische Cellist Ernst Reijseger improvisiert auf dem Cello zwischen Jazz, Worldmusic und Neuer Musik. Und Uwe Oberg selbst begleitet Frank Paul Schubert und Günter Baby Sommer auf ihrer musikalischen Suche nach Löwen: "hic sunt leones".

Das komplette Programm ist auf der Festival-Webseite zu finden. Tickets gibt es an den bekannte Vorverkaufsstellen oder übers Netz. Für Jazzliebhaber mit open minds ist "Just Music" ein Muss, alle anderen müssen sich trauen, werden mit frischen Sounds belohnt werden. Morgen ab 19:30 ist das Festival übrigens Thema in der hr2-Radiosendung "jazzfacts".

Update 22.02.2011: Der Jazzblogger hat Raimund Knösche interviewt.

Frankfurt will den Jazz zurück

frankfurt - [jazzkeller] panorama 17

Fankfurt galt über Jahrzehnte als Deutschlands Jazzhauptstadt, denn Jazz hat in Frankfurt eine lange Tradition. Diese begann nicht erst mit dem amerikanischen Soldaten, die den Jazz nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit an dem Main brachten, sondern schon viel früher, in den roaring twenties. Clubs wie der 1952 gegründete Jazzkeller und das Deutsche Jazzfestival trugen entscheidend zu Frankfurts Berühmtheit in Sachen Jazz bei, ebenso wie Musiker wie die Mangelsdorffs und Heinz Sauer.

Und auch heute ist der Jazz in Frankfurt lebendig, wie z.B. die Jazzinitiative Frankfurt zeigt, und worüber ich hier ja auch regelmäßig schreibe. Aber die Zeiten für Jazzfreunde sind härter geworden, manche machen sich Sorgen um den Nachwuchs. Bereits im September letzten Jahres konnte im Artikel Jazz auf Eis nachgelesen werden, wie es um die aktuelle Ausbildungssituation für Jazz in Frankfurt aktuell steht: gar nicht gut.

Der Studiengang "Jazz- und Popularmusik" an der Frankfurter Musikhochschule sei "eingefroren" worden, die Studenten eines inoffiziellen Weiterbildungsstudiums müssten gegen viele Widrigkeiten ankämpfen, heißt es beim Projekt "Jazz or no". Dessen Initiatoren setzen sich für die Wiedereinrichtung des Aufbaustudiengangs Jazz und Popularmusik in Frankfurt ein und sammeln dafür Unterschriften. Auch auf Facebook ist die Initiative natürlich vertreten, und auf Frankfurt Gestalten kann man für sie abstimmen.

Also, liebe Jazzfreunde aus Rhein-Main und von anderswo: Hier geht's zur Unterschriftenliste, ihr wisst, was zu tun ist.

Ein paar Netaudio-Leckerbissen

Lange keine neue Netlabel-Musik mehr vorgestellt, aber das Album "Debut" von Lavajaz, erschienen bei spontanMusik, muss sein, auch weil es sich etwas wegbewegt vom bisherigen minimalen Microfunk des Labels. Tatsächlich sind auf Debut analoge Instrumente zu hören, und ab und an klingen deutlich jazzige Passagen durch. Lavajaz ist ein Projekt von spontanMusik-Mastermind Tobias Lorsbach aka keinzweiter. Releasedate ist eigentlich erst morgen, aber auf Bandcamp ist das Album schon jetzt für schlappe 3 Euro zu haben. Und reinhören könnt ihr natürlich hier:

Auch schön: Die 4-Track-EP von Orlando15 mit dem grammatikalisch seltsamen Namen "AlbumcoverI'm Build A Bicycle". Angejazzter instrumentaler Hip Hop aus Russland, leider ein bisschen kurz geraten. Google Translate übersetzt die Intention von Orlando15 folgendermaßen aus dem Russischen:

Das Album ist in meiner Vorstellung, wie ein Tag im Leben eines Jungen aus den Vorstädten, die den Tag auf dem Fahrrad gerollt wird, und der Abend nach Hause kommt und hört alten Jazz

Alles klar? Alles klar!

Und schließlich gibt uns das Rae Davis-Album "Positive Thinking!" die dringend benötigte Durchhalteparole in diesen JMStV-verseuchten Zeiten. Und das jugendfrei und zum absoluten Nulltarif. Die Platte ist zwar von 2008, aber klingt fresh und passt musikalisch irgendwo ins Spektrum zwischen den beiden oben genannten Releases. Erschienen auf dem hispano-texanischen Label Exponential Records. Ja, sowas gibt es.

Gefunden hier, hier und hier.

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