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Ich bin online - Lasst mich hier raus

Podium des Medienmittwoch

Ein wenig deplatziert kam ich mir vorgestern Abend auf dem MedienMittwoch Frankfurt vor, bei einer Diskussionrunde über die Livemusik-Szene in FrankfurtRheinMain, die im Club Das Bett stattfand. Präsentiert von der Wirtschaftsförderung Frankfurt zusammen mit dem VUT (Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V.) Mitte sollte das fehlende Interesse von Pop-/Rock-Bands und Publikum an Konzerten im Rhein-Main-Gebiet untersucht werden.

Auf der Bühne schwangen hauptsächlich altgediente Veranstaltungmacher das Wort, mit Ioannis Panagopoulos saß aber auch ein jüngerer Promoter auf der Bühne und erklärte, warum die so genannten Medienstädte Berlin, Hamburg, Köln und München eben für viele Bands interessanter sind als Frankfurt. Am Ende betonten zwar fast alle, es gebe keinen Grund zum Jammern, geschimpft wurde aber trotzdem viel über die Kulturförderung der Stadt Frankfurt und der umliegenden Städte (Rhein-Main wurde, wie im Titel FrankfurtRheinMain schon angedeutet, nur als Anhängsel gesehen).

Schon lustig, wie ehemalige Hausbesetzer wie Ralf Scheffler heute darüber meckern, dass die Stadt die private Wirtschaft, sprich ihn als Veranstalter, behindert, indem sie beispielsweise den Mousonturm finanziell unterstützt, der den Bands dadurch mehr Geld bieten kann; oder dass die Stadt Wiesbaden Geld in den Umzug des Schlachthofs steckt. Geschimpft wurde auch über die Medien, insbesondere die Radiosender, und hier vor allem über den Hessischen Rundfunk. Bei der Kritik am HR waren sich mal alle Teilnehmer einig.

Eine gute Zusammenfassung des Abends hat auch Nils Bremer für das Journal Frankfurt verfasst. Für die FAZ hat Christian Riethmüller die Veranstaltung besucht und zieht das Fazit: Vermisst werden die Popstars von morgen. Einige Punkte sind auch mir schon während der Veranstaltung eingefallen, andere Gedanken kamen erst später:

  • Die Städte haben ja auch einen kulturellen Auftrag, wieso sollte der für Pop nicht gelten? In Wiesbaden haben schließlich viele Bürger für den Erhalt des Schlachthofs gekämpft.
  • Vielleicht liegt es ja nicht nur am Geld, sondern auch an der Programmgestaltung, an schlüssigeren Konzepten, dass Mousonturm, Centralstation und Schlachthof für viele so interessant sind? Seit Jahren spielen genau dort die cooleren Bands.
  • Einerseits sollen Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Frankfurt auf Konzerte fahren; andererseits können sie das nicht mit dem ÖPNV tun, denn wann fahren z.b. die letzten S-Bahnen zurück nach Mainz und Wiesbaden? Genau.
  • Plakate kleben ist teuer, im Radio wollen sie eure Veranstaltung nicht ankündigen? Es gibt jetzt ganz neu dieses Internet und die Sozialen Netzwerke. Soll toll sein, um Veranstaltungen anzukündigen, Fans zu binden usw. Eine Stunde lang wurde diskutiert, ohne dass Online auch nur gestreift wurde (wie gesagt, ich war falsch da).
  • Es gibt womöglich, das habe ich auch in Gesprächen mit anderen Besuchern gestern Abend herausgehört, ein Problem der Öffentlichkeitsarbeit. Die Medien kümmern sich ganz bestimmt nicht selbst darum, alle möglichen Termine zusammenzusuchen. Presseverteiler sind aber erstaunlicherweise nicht immer die Regel.
Natürlich finde ich es auch schade, dass viele Bands einen weiten Bogen um's Rhein-Main-Gebiet machen, und auch ich habe schon so manches Konzert einer Lieblingsband in einem halbleeren Frankfurter Club gesehen. Aber sich mit dieser Situation abzufinden, einfach so weiterzumachen wie immer, das ist mir, bei allem Respekt vor den Leistungen der Veranstalter teilweise über Jahrzehnte hinweg, zu wenig. Zum Glück gab es am Ende noch eine Wortmeldung aus dem Publikum, die Mut macht: Es gibt auch in Frankfurt junge, aktive Veranstaltungsmacher, die sich drum kümmern, dass was passiert.

Ligx - Baltic Soul Weekender live

Nach dem traurigen Ende von Fabchannel stand ja zu befürchten, dass es live gestreamte Konzerte so bald nicht mehr geben wird, weil das Geschäftsmodell einfach nicht genug abwirft. Wie andere Pessimisten vielleicht auch musste ich mich eines Besseren belehren lassen. Spätestens seit letzter Woche, als das grandiose Konzert von Raphael Saadiq von livedome live aus dem Kölner Gloria übertragen wurde, weiß ich, das es auch noch andere Anbieter gibt. Ein weiterer Dienst ist Ligx (komischer Name übrigens; soll der ausgesprochen werden wie Licks?). Das Konzert bei livedome wurde sehr professionell aus abwechslungsreichen Kameraperspektiven übertragen, der Sound war gut, die Stimmung wurde hervorragend wiedergegeben - all das machte meinen Ärger, nicht wirklich live dabei gewesen zu sein, so ziemlich vergessen.

Die zielsichere Auswahl der Konzerte sowohl bei livedome als auch bei Ligx zeugt by the way von erlesenem Geschmack. Unter den nächsten Livestreams bei Ligx finden sich Perlen wie AYWKUBTTOD, Tiger Lou, Andrew Bird, und der dritte Baltic Soul Weekender. Letzterer findet dieses Wochenende statt. Die Chancen, dass gerade jetzt gestreamt wird, sind also relativ hoch ;-) Wenn ihr über kommende Gigs auf dem Laufenden bleiben wollt, abonniert ihr am besten den RSS-Event-Feed von Ligx. Natürlich gibt es auch ein Ligx-Blog, es wird getwittert undsoweiter. Aber im Endeffekt ist am Wichtigsten der Videostream. Falls der bei euch nicht laufen sollte (so wie bei mir letzte Woche), müsst ihr etwas auf der Seite suchen; ich habe irgendwo, wo weiß ich leider nicht mehr genau, einen alternativen MMS-Link gefunden, der bei mir funktioniert hat - und das unter Linux! Update: Sorry, ich glaube, das mit dem alternativen Link war bei livedome.

Update 2: Ich habe mittlerweile herausgefunden, wie ich den Player von Ligx bei mir einbetten kann. Voilà, hier der Stream zum Baltic Soul Weekender:

Nik Bärtsch's Ronin live

Die Bühne nach dem KonzertDie Musik beginnt leise, wie das Zirpen einer Grille. Auf einmal bemerkst du das Rauschen eines Baches, das Wasser, das immer gleich fließt und doch minimal variiert. Vögel zwitschern, Bienen summen, du nimmst immer mehr Geräusche um dich herum wahr. Alles ist harmonisch, und irgendwann fängt auch der Boden an zu vibrieren, die Luft summt, dein Geist erhebt sich von der Bergwiese und erblickt die Berggipfel, einer neben, über, hinter dem nächsten. Schroffe Zacken, in endloser Reihenfolge, aber nie ganz gleich. Ein Massiv aus Klang, aus Urgewalten bricht über die herein und du ergibst dich dem Rhythmus, dem Sound.

So in etwa geht die Assoziationskette während eines der viertelstündigen Songs von Nik Bärtsch's Ronin, während man versucht, das Gehörte in Worte zu kleiden. Detailreich verzierte Repetition, unerwartete Taktverschiebungen, ausgetüftelte Sounds, und immer der Beat, der Groove als treibende Kraft und Zusammenhalt, das machte die Intensität dieser Musik gestern beim Enjoy Jazz Festival in der Alten Feuerwache in Mannheim aus. Zwar hatte ich schon vorher ins neueste Album Holon hineingelauscht, aber erst live wurden die Stücke zum Erlebnis. Nicht sich in endlosen Soli verlierender Jazz, nicht die Nähe zu (post-)rockenden Passagen scheuend, aber technisch anspruchsvoll, manchmal vertrackt, mit dem Hang und Drang zu Experimenten, indem Soundschicht für Soundschicht aufgetragen und auch säuberlich wieder abgetragen wurde.

Man merkte den fünf Musikern - Nik Bärtsch (p, rh), Björn Meyer (b), Kaspar Rast (dr), Andy Pupato (perc), Sha (bcl) - an, dass sie montags im Zürich im Club Bazillus stehen und spielen und sich die Komplexität und das Zusammenspiel auf der Bühne erarbeitet haben. Trotz der Länge der einzelnen Stücke ("Module") war es keine Sekunde langweilig gestern, denn so etwas bekommt man auf einem Jazzfestival auch nicht alle Tage geboten. Und ich bin froh, es 2008 doch noch wenigstens einmal aufs Enjoy Jazz geschafft zu haben. Mehr Konzertberichte und vor allem auch tolle Fotos aus Heidelberg und Mannheim gibt es wie jedes Jahr drüben beim Jazzblogger.

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