Skip to content

Sammel-Alben 50/12

Auch diese Woche gibt es wieder drei Albumvorstellungen hier im Blog. Ansonsten geht es hier etwas ruhiger zu, weil ich viel mit anderen mehr oder weniger sinnvollen Projekten zu tun habe. Eins der möglicherweise weniger sinnvollen, aber spaßigeren Projekte ist übrigens der Calendar of Meaningful Dates, über den ich schon drüben im Sperrobjekt Weblog geschrieben habe. Inspiriert von einem xkcd-Comic habe ich den Kalendar mithilfe der neuen Zeit API nachprogrammiert. Wie gesagt, hat Spaß gemacht, aber fragt nicht nach dem Sinn ;-) Weiter geht's jetzt mit den Alben:

Sinkane - Mars

Sinkane heißt eigentlich Ahmed Gallab und stammt aus dem Sudan, von wo er mit seiner Familie in die USA floh. Dass Sikane Sohn zweier Intellektueller ist, dass er zunächst Punk machte, dass er afrikanische und sufistische Wurzeln hat - all das mag in Sinkanes Musik einfließen. Aber im Prinzip ist sein zweites Album einfach ein gelungenes Stück Musik mit aktuellem Sound, dessen Songs zwischen Indie-Geschrammel, Seventies-Funk, Krautrock, Free Jazz und kontemporärem Pop oszilliert. Dass Sinkane als Drummer mit Caribou und Of Montreal unterwegs war, spannt einen ganz brauchbaren Bezugsrahmen auf. Manchmal sind die Melodien vielleicht sogar etwas zu eingängig, oder, positiver ausgedrückt: Sie sind der passende Soundtrack für eine chillige Sommer-Afterhour. Eingängig und gut. [Thx, Moritz]

Nabowa - Sen

Ich weiß nicht mehr, wie und wo ich zum ersten Mal von Nabowa hörte, aber seit geraumer Zeit verfolge ich die Facebook-Updates der Japaner. Meistens verstehe ich dann wegen fehlender Japanisch-Kenntnisse nichts, aber umso besser fühle ich die Musik des 2004 gegründeten Quartetts. In der Besetzung Violine, Gitarre, Bass, Drums/Percussion produzieren sie eine eigentümliche Mischung aus Funk, Post-Rock und Chillout, manchmal voller Pathos, manchmal einfach nur poppig oder groovend. Auf "Sen" steht oft die von der Geige getragene Melodie im Vordergrund, aber ohne die anderen Instrumente in den Hintergrund zu drängen. Anspieltipp: Track 2 "続く轍と懐かしき扉" ;-)

VA - Compost Downbeat Selection Vol. 3

Große Musik aus dem über 400 Veröffentlichungen starken Katalog von Compost Records. Darauf zu finden sind echte Klassiker des Genres, die ich vor zehn Jahren rauf und runter gehört habe: Fauna Flash, A Forest Mighty Black, Beanfield, Robert Owens, Atjazz, Richard Dorfmeister. Die Compilation perfekt zusammengestellt haben Rupert & Mennert, die sich seit einiger Zeit ausführlich durch sämtliche Compost-Releases graben. Denn der vorliegende ist bereits der 15. Teil der Compost Selection Series. In Planung befinden sich bereits weitere Compilations zu Themen wie Tech House, Drum & Bass, Broken Beat. Nostalgische Gefühle für alle, die damals schon dabei waren!

Music helps you to give yourself your much needed Zen-moment on the lazy sunday-afternoon. Rupert & Mennert created the perfect atmosphere for that, in their newest selection.

Sorry, dafür habe ich keinen Player gefunden :-(

Ein Beat für Frieden im Sudan

Im Sudan kreuzen sich viele Konfliktlinien, gefährlich viele Krisenherde brodeln hässlich vor sich hin, unbeachtet von großen Teilen der Weltöffentlichkeit. Nach den ersten "freien" Wahlen im April 2010, bei denen der vom Internationalen Strafgerichtshof gesuchte Omar Al-Baschir im Präsidentenamt bestätigt wurde, bei denen es aber auch zu Unregelmäßigkeiten und Wahlboykotten kam, steht Anfang Januar 2011 die nächste Abstimmung an. Der Südsudan, seit fünf Jahren autonome Region, möchte die vollständige Unabhängigkeit vom arabisch geprägten Norden erlangen. Inoffiziell gebe es einen Deal mit Al-Baschir, dass dieser die Unabhängigkeit nach erfolgreicher Wiederwahl unterstütze, heißt es. Allerdings erscheint es aus vielerlei Gründen zweifelhaft, dass dieser Prozess wirklich friedlich über die Bühne geht; den Ölvorräten im Süden dürfte dabei eine entscheidende Rolle zukommen. Das nur als kurzer Überblick vorneweg.

Das komplizierte Gebilde der fragilen innen- und außenpolitischen (In-)Stabilität an dieser Stelle in ein paar dürren Blogworten zusammenzufassen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn ihr euch für das Thema interessiert, findet ihr in den Weiten des Netzes massig Informationen. Einen guten Einstieg bietet Sudan365, die zentrale Anlaufstelle der Aktion "A Beat for Peace", die sich für friedliches Referendum einsetzt. Weltweit unterstützen Musiker diese Aktion: Will Champion (Coldplay), Hugh Masekela, Nick Mason (Pink Floyd), Ojos de Brujo, Cheikh Lô, Stewart Copeland (The Police) und viele mehr haben bereits ihren Beat beigesteuert. Wer will, kann seinen eigenen Beat auf Video aufnehmen und mitmachen.

Die Blogrebellen stellen in diesem Zusammenhang das Hilfsprojekt AMREF (African Medical and Research Foundation) vor, das unbedingt Unterstützung benötigt. Gleiches gilt für die Ärzte ohne Grenzen im Sudan, die dort ebenfalls wichtige Arbeit leisten und Spenden benötigen. Hilfsorganisationen werden immer wieder aus dem Sudan ausgewiesen, oft genug als bloße Machtdemonstration der Regierung. Zur Erhöhung eurer Spenden-Motivation dürft ihr euch hier und jetzt eine kleine Diashow mit Fotos ansehen, dich ich auf meiner Sudanreise vor knapp zwei Jahren in diesem armen, gebeutelten, aber doch wunderbaren Land geknipst habe:

Musik gegen AIDS und für Wahlen

Wohnt Musik die Kraft inne, die Welt zu verbessern? Kann sie zum Erfolg sozialpolitischer Projekte beizutragen, sich als Ohrwurm in den Gehörgängen der Menschen festzusetzen und von dort aus ihre Aufmerksamkeit auf essentielle und existenzielle Themen lenken? Die Sprache der Musik versteht grundsätzlich jede und jeder auf Anhieb, und die zu transportierende Message wird, so ist die Hoffnung, spätestens beim zweiten Hören erfasst. Zwei sehr unterschiedliche Projekte wollen momentan den Beweis antreten, dass es funktioniert, dass Musik die Menschen auch inhaltlich erreicht. Menschen, die ansonsten nur schwer erreicht angesprochen können.

Safe & Sound - Music For Future ist ein kreatives Konzept zur Bekämpfung von AIDS in dem kleinen mittelamerikanischen Land Belize. Es wurde von der Projektgruppe des HIV-Projekt Belize e.V. ins Leben gerufen mit dem Ziel, durch Musik auf die Risiken der Ansteckung und auf die Gefahren der Immunschwächekrankheit zu informieren. Die Kraft der Musik in Belize verdeutlichen Leben und Werk des vor zwei Jahren verstorbenen belizischen Musikers Andy Palacio, der die Musik der Garifuna, einer Volksgruppe in Belize, vor dem Vergessen bewahrte, ihr neues Leben einhauchte und so zu einem international sehr erfolgreichen Musiker wurde. Vor diesem Hintergrund wurde für Safe & Sound ein Songcontest ins Leben gerufen, dessen ausgewählte Beiträge sich nun auf einem Sampler wiederfinden, der nicht nur kostenlos runterladbar ist (CC-Lizenz), sondern auch und vor allem vor Ort in Belize unters Volk gebracht wird. Vom steinigen Weg, diesen Sampler von der Idee bis zum fertigen Silberling zu realisieren, erzählt mogreens drüben in seinem Blog. Lesens- und hörenswert. Ich wünsche den Jungs bei ihrem Hilfsprojekt alles Gute! Spenden sind dem Verein jederzeit willkommen.

Das zweite Projekt, das ich an dieser Stelle vorstellen möchte, hat (nicht nur finanziell) einen ganz anderen Background. Media in Cooperation and Transition (MICT) realisiert unterschiedliche Projekte im Nahen Osten und in Nordafrika, die gezielt Medienschaffende ansprechen und auf diese Weise ihren Beitrag zur Stabilität der Krisenregionen leisten wollen. In zehn Tagen finden im Sudan die ersten demokratischen Wahlen seit fast einem Vierteljahrhundert statt. Die Bevölkerung muss sich nach so langer Zeit erst wieder ans Wählen gewöhnen. Eben diesen zivilgesellschaftlichen Prozess will MICT - wie viele andere Organisationen auch - unterstützen. Unter dem Motto Sudan Votes, Music Hopes wurde mit Unterstützung des Auswärtigen Amts unter anderem eine Webseite realisiert, auf der Songs, ausgewählt von Max Herre, von zwölf bekannten sudanesischen Künstlern zum Anhören und zum Download bereitgestellt werden. Die Musiker setzen sich auf ihre Weise mit den bevorstehenden Wahlen auseinander und motivieren ihre Landsleute, wählen zu gehen. Dies geschieht mittels eigens angefertigter Kassetten, die im Land verteilt werden. Die Maschine zur Herstellung der Tapes müsst ihr unbedingt in diesem Flickr-Set bewundern! Spenden sind auch hier gern gesehen und werden unter den beteiligten Musikern aufgeteilt - schließlich helfen hier keine GEMA und keine Musikkonzerne.

Ganz gleich, wie die Wahlen im Sudan ausgehen, wichtig ist, dass die Menschen dort überhaupt eine Wahl haben. Vermutlich werden vorerst die alten Eliten an der Macht bleiben. Nebenbei gibt es auch noch die Konflikte in Darfur und im Südsudan. An Problem herrscht also auch nach den Wahlen kein Mangel, aber die Wahlen sind eben ein erster Schritt zur möglichen Lösung der Krisen. Ebenso ist es in Belize wichtig, die jungen Menschen aufzuklären, damit sie die Zukunft ihres Landes gestalten können. Musik hat die Power, diese Entwicklungen positiv zu beeinflussen, davon bin ich überzeugt. Und wenn sie noch dazu äußerst hörbar ist, dann haben sogar wir reizüberfluteten, wohlstandsgesättigten Internetbürger was davon!

Cajus und Sepalot im Sudan

Cajus, Abbass Anoor und der Rest der Crew
© Koviljka Pajcin

Vor knapp vier Monaten verbrachte ich einige wunderbare Tage im Sudan und genoss mitten im Dezember die 35°C, während hierzulande vermutlich alle gefroren haben. Ich hielt mich hauptsächlich in der Hauptstadt Khartoum, die als die heißeste Haupstadt der Welt gilt, feierte aber auch mitten in der sudanesischen Wüste ins neue Jahre hinein, was sehr beeindruckend war. In meiner Radioshow im Februar habe ich dann jede Menge sudanesische Musik gespielt, obwohl es recht schwierig war, an aktuelle Sachen ranzukommen. Und Abbass Anoor kannte ich damals noch gar nicht. Jetzt bin ich auf ihn gestoßen, weil im Rahmen eines vom Goethe-Institut veranstalteten Symposiums die beiden Blumentöpfe Cajus und Sepalot auf hiphop-kultureller Mission ebenfalls die sudanesische Haupstadt besucht und mit Abbass und einigen weiteren sudanesischen und französischen Rappern einen Workshop veranstaltet und auch vor Publikum etwas gejammt haben. Darüber haben die beiden im Blumentopf-Blog "Topfhits" berichtet (Teil 1, 2) und auch ein Video von Abbass eingebunden.

Ich war natürlich gleich begeistert, weil ich bisher nur Emmanuel Jal als sudanesischen Rapper kannte - und der lebt schon seit längerem im Ausland. Und ich habe keine Mühen gescheut und meine Kontakte spielen lassen, um ein exklusives Foto vom Konzert zu organisieren (Thanks for the pic, Koviljka!). War bestimmt eine tolle Erfahrung für alle Beteiligten. Sudan unterliegt ja einem Teilembargo durch den Westen und ist ein ständiger politischer Unruheherd - ich will euch jetzt nicht mit Details langweilen. Das Goethe-Institut, dessen Aufgabe ja unter anderem ist, internationalen kulturellen Austausch zu pflegen, lädt dankenswerterweise immer wieder deutsche Künstler in Länder ein, in denen Kultur nur unter sehr erschwerten Bedingungen möglich ist. Hans Nieswandt hat dies in seinem Buch Disko Ramallah am Beispiel des Nahen Ostes sehr anschaulich beschrieben. Und mir als jemandem, der ebenfalls gern solche Länder besucht, gefällt sowas naturgemäß. Wenn es mir jetzt noch gelingt, die Platte von Abbass aufzutreiben …

Emmanuel Jal: Hip Hop aus dem Sudan

Dass die altehrwürdige National Geographic Society sich stark im Web engagiert, war zu erwarten. Was mich allerdings (positiv) überrascht hat, ist der offensichtlich große Einsatz für die World Music, auf den ich über das World Music Video Spotlight in meiner Democracy TV-Channel List aufmerksam geworden bin. Die aktuelle Ausgabe porträtiert den Sudanesischen Rapper Emmanuel Jal, einen ehemaligen Kindersoldaten, der sich nun für Amnesty International und Frieden insbesondere in Darfur engagiert. Natürlich sollte man die Macht der Musik nicht überbewerten, aber bemerkenswert ist es allemal. Wer kann, bitte ansehen!

Nachtrag: Hier ist Jals offizielle Webseite.

tweetbackcheck